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Kino 27.09.2026

Keine andere Storyline aus 60 Jahren Star Trek bewegte mich als Historikerin so sehr wie diese

Keine andere Storyline aus 60 Jahren Star Trek bewegte mich als Historikerin so sehr wie diese
In Star Trek: Deep Space Nine erleben wir das Nachbeben einer politischen Katastrophe, die bis heute Relevanz hat. Ein absolutes Highlight der langen Franchise-Geschichte.

Star Trek hat gerade erst 60. Geburtstag gefeiert: Und damit auch 60 Jahre voller inspirierender, komplizierter und skurriler Geschichten. Jeder Science-Fiction-Fan weiß, dass sich das Genre selten wirklich um die Zukunft dreht. Vielmehr geht es um Ideen und Herausforderungen der Gegenwart.

Ähnlich verhält es sich mit der Geschichte. Narrative über die Vergangenheit sind genauso ein Produkt des Hier und Jetzt, also Perspektiven der Menschen, die zurückblicken. Vielleicht ist die Schnittmenge zwischen Geschichtsstudent:innen und Sci-Fi-Fans genau deshalb so groß – und eine Storyline aus Deep Space Nine fängt die Kraft von Star Treks Geschichten für mich als (ehemalige) Historikerin perfekt ein.

Star Trek: Deep Space Nine wirft uns ins Nachspiel einer politischen Katastrophe

Deep Space Nine hat erst kürzlich mein Herz erobert und konnte Raumschiff Enterprise mittlerweile den Rang meiner Lieblingsserie aus dem Star Trek-Universum ablaufen. Dabei hat sie wenig mit ihrem kultigen Vorgänger gemein: Die Raumstation begrüßt uns in den Ausläufern einer politischen Zäsur. Jahrelang besetzte und unterdrückte das Volk der Cardassianer den Planeten Bajor und versklavte die Einheimischen in Arbeitscamps, um wertvolle Rohstoffe abzubauen.

Aufgrund von bajoranischen Aufständen und wirtschaftlichem Druck entschieden die Cardassianer, Bajor und den Stützpunkt Deep Space Nine nach 50 Jahren Besetzung abrupt aufzugeben. Die Sternenflotte unter dem Kommando von Commander (später Captain) Benjamin Sisko (Avery Brooks) übernimmt die Station und versucht, den Sektor um das bajoranische Wurmloch zu stabilisieren.

Das ist auch bitter nötig. Denn obwohl die Schreckensherrschaft der Cardassianer vorbei ist, sind die Nachwirkungen noch an unzähligen Stellen spürbar. Das geschwächte bajoranische Volk organisiert sich neu und kämpft um Gerechtigkeit, während Cardassia seine politische Macht im Sektor wahren will. Und während die alten Wunden noch immer für Konflikte sorgen, tritt eine neue Bedrohung auf den Plan und zwingt alte Feinde, vorübergehend zu Komplizen zu werden.

Wofür steht die cardassianische Schreckensherrschaft?

Es ist nicht leicht, diese Frage eindeutig zu beantworten. Star Trek: Deep Space Nine startete im Jahr 1993, als die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs noch auf der ganzen Welt spürbar waren. Die öffentliche Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im Nationalsozialismus war noch in vollem Gange – und trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, die Cardassianer und Bajoraner als Metapher für die Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen zu verstehen, wie die jüdische Autorin Rachel Cook für den Blog Women at Warp  argumentiert:

Die Beziehung zwischen den Cardassianern und den Bajoranern scheint jedoch eher mit der Beziehung zwischen den europäischen Eroberern und den indigenen Völkern Amerikas vergleichbar zu sein: [Es ist] die Unterwerfung von Gruppen, die völlig außerhalb der Eroberer stehen, über Ressourcen verfügen, die die Eroberer ausbeuten wollen, und die als minderwertig dargestellt werden, um die Eroberung zu rechtfertigen.

Egal, mit welchen historischen Untaten die cardassianische Herrschaft verglichen wird, die fiktionale Dynamik zeigt uns sieben Staffeln lang eindrücklich, wie sich eine Gesellschaft von einer solchen Schreckensherrschaft erholt. Anstatt uns die Verbrechen und den Sieg der Aufständischen selbst zu zeigen, setzt Deep Space Nine bei der Aufarbeitung an, dem "Danach".

Das macht Star Trek: Deep Space Nine besser als alle anderen Serien

Eine solche Geschichte als Basis zu nehmen, ist das Eine. Eine andere ist es, diese Dynamik in sieben Staffeln wieder und wieder konsequent aufzugreifen. Ein Moment aus Staffel 1 verfolgt mich dabei bis heute. Die Folge Der undurchschaubare Marritza (OT: Duet) bringt einen cardassianischen Schreibtischtäter (Harris Yulin) auf die Station, der sich – getrieben von Schuldgefühlen – als Kriegsverbrecher ausgibt. Als er von einem verbitterten Bajoraner erstochen wird, ist es ausgerechnet die bajoranische Major Kira (Nana Visitor), die die Tat scharf verurteilt.

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Von da an war klar: Deep Space Nine interessiert sich nicht für einfache Antworten auf Probleme wie diese. Genau wie echte historische Akteur:innen kämpfen die Charaktere mit komplexen Herausforderungen: Wo werden Schmerz und Trauer zu blinder Rachsucht? Welche Wunden entschuldigen welche Maßnahmen? Wo tauschen Täter und Opfer die Rollen, wenn sich Machtverhältnisse ändern? Die Serie findet selten einfache Antworten – und genau das macht sie so real, dass ich nicht selten mit einem Kloß im Hals dasaß, während der Abspann lief.

Zwei Star Trek-Charaktere machen die Geschichte perfekt

In 176 Episoden nimmt sich die Serie Zeit, beide Seiten der Schreckensherrschaft zu beleuchten. Major Kira lässt sich als ehemalige bajoranische Aufständische immer wieder von ihrer Wut und dem Misstrauen gegenüber den Cardassianern blenden. Beim cardassianischen Gul Dukat (Marc Alaimo) handelt es sich hingegen um einen antagonistischen General, der mehr als eine Facette zeigt: Als Opportunist kämpft er zeitweise auch an der Seite der Sternenflotte, arrangiert sich mit alten Feinden und wird selbst Opfer seines Systems.

Star Trek: Deep Space Nine fährt einen klaren Kurs: Kein Charakter wird rein aufgrund seiner Spezies definiert. Alle Akteure zeigen unzählige Facetten. Wenige Herausforderungen und Probleme werden mit einfachen Lösungen beantwortet. Anstatt komplexe Sachverhalte in eine gewöhnliche Struktur zu pressen, lässt Deep Space Nine seine Geschichte in unzähligen Leerstellen und Doppeldeutigkeiten atmen – und damit verarbeitet die Serie historische Dynamiken in meinen Augen besser als viele Produktionen, die sich mit tatsächlichen historischen Ereignissen beschäftigen.

Die Geschichte von Cardassia und Bajor findet nicht nur in der realen Historie unzählige Verwandte. Auch im aktuellen Geschehen herrschen an vielen Orten Unterdrückung und historisch gewachsene Konflikte. Mir kann eine über 30 Jahre alte Serie wie Deep Space Nine auch heute noch Orientierung und Halt geben, wenn die Realität in ihrer Komplexität zu überfordernd scheint. Mit Blick auf 60 Jahre Star Trek glaube ich: Damit bin ich nicht allein.

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